Lichtblick in Zeiten des Ärztemangels

Conrad Waldmann und Moritz von Salis studieren im 9. Semester Medizin in Marburg. Sie haben in den vergangenen beiden Wochen ihr Hausarztpraktikum in der Landarztpraxis Feldatal absolviert.

"Vor dem Praktikum dachte ich immer, ich würde nie auf dem Land leben wollen. Nach dem Praktikum denke ich anders", sagt der 24-jährige Conrad Waldmann. Zusammen mit seinem Kommilitonen Moritz von Salis hat er die vergangenen beiden Wochen in der Landarztpraxis Feldatal bei Allgemeinmedizinerin Birgit Beyer verbracht. Offen für das Landleben und ohne große Erwartungen sind die Medizinstudenten in das Praktikum gestartet. Beide hatten sich bisher wenig mit dem Leben auf dem Land auseinandergesetzt, denn von Salis stammt aus Leipzig, und Waldmann ist in Frankfurt aufgewachsten. Dann ging es zum Studieren nach Marburg an die Philipps-Universität. Das Programm "Landpartie Vogelsberg" hat das Interesse der beiden Studenten geweckt, und sie haben sich entschlossen, ihr zweiwöchiges Hausarztpraktikum bereits in den Semesterferien, dafür aber auf dem Land zu absolvieren. Das Programm wurde entwickelt, um junge Menschen für den Beruf des Landarztes zu begeistern und so dem Problem des Ärztemangels auf dem Land entgegenzuwirken. Die Kosten für Unterkunft und Fahrt werden vom Vogelsbergkreis übernommen. Letztendlich haben sich von Salis und Waldmann für die Landarztpraxis Feldatal, die eine von mehreren Lehrpraxen der Philipps-Universität ist, entschieden. Die Webseite der Praxis habe sie überzeugt. "Wir freuen uns auf Sie und werden Sie während Ihrer Ausbildungszeit in unserer Praxis als vollwertiges Mitglied unseres Teams behandeln", wirbt die Landarztpraxis Feldatal im Netz.

Während des zweiwöchigen Praktikums haben die Medizinstudenten in der Ferienwohnung des Landhotels zur Oase in Groß-Felda gewohnt, sodass sie die Praxis schnell und einfach zu Fuß erreichen konnten. Die beiden sind mehr als zufrieden mit ihrer Wahl, berichten sie während eines Gespräches über ihre bisherigen Erfahrungen in Groß-Felda. Besonders gut gefalle ihnen, dass die Arbeit vielseitig ist und sie direkt Verantwortung übernehmen dürfen. "Uns wird freie Hand gelassen, aber wir werden nicht allein gelassen", erklärt Waldmann zufrieden. Nachdem sie sich selbstständig mit dem Patienten im Sprechzimmer beschäftigt haben, werden gemeinsam mit Landärztin Birgit Beyer und dem Patient die Befunde und Therapievorschläge besprochen. "Die Patienten schätzen es sehr, dass junge Menschen kommen", merkt der 23-jährige Moritz von Salis an. Er fühlt sich wohl im Feldatal und gut aufgenommen. Das familiäre Klima zu den Patienten und innerhalb der Praxis hat die beiden begeistert. Von Salis und Waldmann bedenken: Die Nähe zu den Patienten, welche auf der einen Seite ein riesiger Vorteil sei, bedeute auf der anderen Seite, dass man nie so ganz aus dem Dienst sei und Feierabend habe.

Neben ihrer Praktikumstätigkeit genießen die Studenten die Natur und erkunden den Vogelsberg, indem sie verschiedenen Wandertouren unternehmen. Das erhoffte Gefühl von Urlaub auf dem Land in der freien Zeit habe sich bei den Studenten eingestellt. "Es ist etwas Neues morgens vom Krähen der Hähne aufgeweckt zu werden", grinst von Salis.

Detailliertere Zukunftspläne haben von Salis und Waldmann, die gerade im neunten Semester sind, noch nicht. Nach der Uni wollen sie erst einmal im Krankenhaus arbeiten, Erfahrungen sammeln und ihren Facharzt machen. Sie sind offen und wollen schauen, was die Zukunft mit sich bringt. Nachdem sie sich im Praktikum ein Bild vom Beruf des Landarztes gemacht haben, können sie sich jedoch vorstellen, in einigen Jahren auf dem Land zu arbeiten und sich hier niederzulassen. Grundsätzlich ziehen die Medizinstudenten in Betracht, in einer Gemeinschaftspraxis oder in einer eigenen Praxis auf dem Land tätig zu sein. In beiden Formen sehen sie Vor- und Nachteile. Hat man seine eigene Praxis, sei man zwar sein eigenener Chef, habe aber gleichzeitig ein einschüchterndes finanzielles Risiko zum Start. Wer in einer Gemeinschaftspraxis arbeite, könne schnell eine zweite Meinung einholen, müsse Entscheidungen aber immer mit anderen absprechen. Ob eigene Praxis oder Gemeinschaftspraxis, beide Studenten legen großen Wert auf Weiterbildungsmöglichkeiten während ihrer zukünftigen Ärztetätigkeit. Im Vogelsberg gibt es den Weiterbildungsverbund für Allgemeinmedizin, welcher umfassende und qualifizierte Fortbildungsmöglichkeiten in der Region bietet.

Waldmann und von Salis sind froh, dass sie sich ein eigenes Bild vom Beruf des Landarztes gebildet haben. Mit neuen Erfahrungen und positiven Eindrücken kehren sie zurück an die Universität. Und wer weiß, vielleicht wird sie eines Tages ihr Weg zurück ins Feldatal führen.

Lauterbacher Anzeiger - Anna Becker