Hausbesuch bei einem Hausarzt im Vogelsberg

Dieser Hausbesuch ist untypisch. Meist rückt Allgemeinarzt Michael Buff aus, um seine Patienten zu besuchen. Diesmal ist es anders. Fünf Medizin-Studentinnen sind zu Gast in seiner Praxis.

Dieser Hausbesuch ist untypisch. Meist rückt Allgemeinarzt Michael Buff aus, um seine Patienten zu besuchen. Diesmal ist es andersherum. Fünf Medizin-Studentinnen der Universitäten Gießen und Marburg sind zu Gast in der Hausärzte-Praxis Gleen-Felda am Standort in Nieder-Gemünden. Den Kontakt zwischen Buff und den angehenden Ärztinnen hat die Kassenärztliche Vereinigung (KV) hergestellt. Sie versucht mit der Kampagne "Sei Arzt. In Praxis. Leb' Hessen!" Nachwuchs davon zu überzeugen sich für eine Niederlassung zu entscheiden. "Es gibt in der ärztlichen Versorgung, vor allem im ländlichen Raum auf lange Sicht Versorgungslücken", erläutert Alexander Kowalski, PR-Referent der KV, den Hintergrund.

Das Treffen in der Nieder-Gemündener Praxis sei so etwas wie die Pilotveranstaltung, "um praktizierende, erfahrene Hausärzte mit Studenten zusammenzubringen." Mit der "Praxis.Erleben"-Tour wolle die KV den Nachwuchs überzeugen, dass es eine Alternative zur Karriere in Kliniken gibt. "Und die ist nicht so unattraktiv, wie es oft scheint", fasst Kowalski zusammen.

Mit verschiedenen Events ist die KV an den drei hessischen Universitäten in Frankfurt, Marburg und Gießen unterwegs, um für ihre Kampagne zu werben. Dabei gehe es nicht nur darum, Mediziner für Landarztpraxen zu gewinnen, sondern ganz allgemein für eine Niederlassung zu begeistern. Denn es drohten ambulante Versorgungslücken bis zum Jahr 2030 und das, obwohl die Zahl der Medizinstudierenden in Hessen in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen sei, wie es in der Broschüre der KV heißt. Der Nachwuchs sei eigentlich da. Problem: Niederlassung als Fach- oder Hausarzt sei für viele keine Option, weil Informationen dazu im Studium "nur eine untergeordnete Rolle" spielen.

Interesse am Landarzt-Dasein zu wecken, dafür scheint die Kassenärztliche Vereinigung mit Michael Buff einen perfekten Kandidaten gefunden zu haben. Buff begrüßt die jungen Frauen, die im fünften bis elften Semester sind, zunächst in seiner Praxis. Er führt sie durch die einzelnen Behandlungszimmer, erläutert Funktion und Ablauf. Lebhaft und offen erzählt der Mediziner von seinen Erfahrungen, gibt den Studentinnen Einblicke in seinen Berufsalltag - und hält gleichzeitig ein Plädoyer für die Allgemeinmedizin. Mit insgesamt vier Ärzten wird die Gemeinschaftspraxis mit den Standorten in Kirtorf und Nieder-Gemünden betrieben. Im Rotationsverfahren teilen sich die Mediziner die Aufgaben auf. So seien in Kirtorf drei Ärzte im Einsatz, in Nieder-Gemünden einer. Nieder-Gemünden sei eine reine Terminpraxis, freie Sprechstundenannahme gebe es nicht, einzige Ausnahme bilden Notfallsituationen, schildert er. Die Organisation, das wird in dem Gespräch mehrfach deutlich, hat zentrale Bedeutung. Zum einen, um die Patienten qualitativ so gut wie möglich zu behandeln, zum anderen, um sich die nötigen Freiräume zu schaffen. "Ich bin kein Akkord-Arbeiter, ich bin Arzt", verdeutlicht Buff. Wenn man "vernünftig arbeiten" wolle, koste das eben Zeit, erläutert er seinen Ansatz. "Und wenn man dem Patienten nicht richtig zuhört, hat man ein Problem", weist Buff auf die Bedeutung hin.

Zeit, Aufwand und Ertrag. Drei Komponenten, die bei den Fragen der Studentinnen eine Rolle spielen. Seine wöchentliche Arbeitszeit beziffert Buff auf rund 40 bis 60 Stunden. "Als Hausarzt wird man nicht reich, kann aber gut leben", entgegnet er dem Medizin-Nachwuchs. Auch dass man als niedergelassener Arzt sein eigener Chef sei, verbucht Buff unter den positiven Aspekten. Die Organisation, die Mitarbeiterführung oder Terminvergabe seien Punkte, die selbst koordiniert würden . "In einen Krankenhaus sagt ihnen der Verwaltungschef, wie es läuft", sagt Buff.

Gleichwohl stellte der Kirtorfer Mediziner klar, dass das Leben als Landarzt ein öffentliches sei. "Die Beziehung zu den Patienten ist eine sehr enge", erläutert er. Vielfach betreue der Landarzt die komplette Familie. Dieses "jeder-kennt-jeden" berge viele Vorteile, habe aber auch Nachteile. So müsse bisweilen eine klare Grenze zwischen privaten und beruflichen Leben gezogen werden, "wenn man mal seine Ruhe haben will." Demnach verstehe Buff die Sorge der Nachwuchsmediziner, denen eine solche Arzt-Patienten-Beziehung zu eng sei. "In einem Krankenhaus ist das sicherlich anders."

Oberhessische Zeitung - Benjamin Gössl